Schiffbauergasse

Was wäre heute aus dem Gelände der Schiffbauergasse geworden, wenn sich Anfang der 90er keine Künstler der freien Szene auf dem brachliegenden Gelände niedergelassen hätten – eine Shoppingmall, Industrieanlagen oder ein nobles Wohnquartier mit Luxusapartments? Alles möglich, schließlich ist die Lage an der Havel mit Blick auf den Babelsberger Park eine Augenweide.

Im 17. Jahrhundert war das Gebiet außerhalb der Stadtmauern nur als „Potsdambsches Stopelfeld“ benannt. 1817 begann der gebürtige Engländer John Barnett Humphreys, unter Aufsicht der preußisch-königlichen Regierung, mit dem Bau von Dampfschiffen. Damit verwandelte sich die Schiffbauergasse zu einem Ort der modernen und frühindustriellen Entwicklung. Zwei Jahre später lief das damals größte Dampfschiff namens „Fürst Blücher“ zu Wasser. Die Werft wurde 1821 jedoch geschlossen. Nach den Plänen von Karl Friedrich Schinkel, aber durch die Ausführung von Carl Hampel, entstand eine h-förmige Reitstallanlage und eine große Reithalle, die heutige Schinkelhalle. Die 1823 erbaute Schinkelhalle gehört zu dem ältesten Gebäude in der Schiffbauergasse. Die h-förmige Anlage bestand aus mehreren Reitplätzen, die die Kavallerie für militärische Übungen nutzte. Der eine Hof war einsehbar, sodass es im Volksmund auch die Bezeichnung „Reittheater“ fiel. Selbstprophezeiend oder nicht – heute werden die Reithallen tatsächlich als Spielstätte und als Probebühne des Hans Otto Theaters genutzt und durch das Waschhaus und das T-Werk ist der Schirrhof auch bespielt. Mit der Erbauung der Humboldtbrücke ab 1975 musste der größte Teil der Reitanlage weichen.

Friedrich Wilhelm III veranlasste den Neubau einer Kaserne (1839 – 1842) für das Garde-Husaren-Regiment neben den Reitplätzen an. 600 Husaren kamen in einem Gebäude unter und trainierten in den Höfen. Am 1. Oktober 1856 ging die neue Gasanstalt des Berliner Unternehmers Julius Conrad Freund in Nutzung. Das Gaswerk war 134 Jahr lang in Betrieb und versorgte Potsdam mit Gas, Koks und Teer. Erst 1990 stellte das Steinkohlegaswerk die Arbeit ein.

Nach 1945

Zwischen 1949 -1950 vergrößerte der Bauschutt, der bei der Entrümplung Potsdams in der Nachkriegszeit anfiel, den Uferstreifen. Auf dem zusätzlich gewonnen Land wurde eine Maschinenhalle für das Gaswerk erbaut. Ein Fischersteg, der schon seit Urzeiten bestand und Fischereirechte besaß, verlor somit seinen Zugang zum Wasser. Die DDR verstaatlichte die Fischereirechte in der "PGH Binnenfischerei", die am Ort des alten Steges eine Fischbrutanlage errichtete, zu der Wasser aus dem Tiefen See herangepumpt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte ein Funk- und Logistikbataillon des sowjetischen Geheimdienstes KGB die ehemaligen Pferdeställe. Neben dem KGB war ebenfalls die Nationale Volksarmee der DDR auf dem Gelände ansässig. Zwischen 1953-55 entstand nach Plänen des Potsdamer Architekten Karl-Gottfried Pust der imposante Koksseparator, der in seiner Architektur bewusst an die Industriearchitektur der 30er Jahre erinnern sollte.

Nach 1990 und heutige Nutzung

Nach der Wende lag das Gelände brach und war für die Bevölkerung größtenteils unbekannt. 1991 gab es erste Erkundungen der Potsdamer Kulturszene auf dem unzugänglichen Areal. Als erstes Gebäude, das die Kulturfreunde bespielte haben, ist die ehemalige königliche Garnisonswaschanstalt, in der von 1882 – 1990 Wäsche gewaschen wurde - das heutige Waschhaus. Ab 1992 sprach sich der Ort für Ausstellungen und Techno-Partys rum, daraus entstand eine attraktive Underground-Location, die auch Berliner Publikum anzog. 1993 gründete sich die Waschhaus e.V. und organisierte einen regelmäßigen Kulturbetrieb, der bis heute unzählige Besucher anlockt.

Schnell siedelten sich weitere Künstler, Kulturvereine und -Verbände in den alten Industrie- und Militärbauten an, wodurch das runtergekommene Geländer mit neuem, frischem und kreativem Leben erfüllt war. Nur das Logistikbataillon des sowjetischen KGBs hielt sich noch bis 1994 auf dem Gelände und zog dann endgültig ab. Die Stadt bekam von der kulturellen Entwicklung Wind und bot bald finanzielle Unterstützung an. Seit 1994 nutzt das Tanztheater fabrik Potsdam das Fischhaus, dann zeitweise die Reithalle B und schließlich die Maschinenhalle als Veranstaltungs- und Proberäume für zeitgenössischen Tanz. Die Reithalle A wurde 1998 als Spielstätte für das Kinder- und Jugendtheater des Hans Otto Theaters umgebaut und saniert. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) erwarb die verstreuten Besitztümer und initiierte ein strategisches Konzept zur kulturellen, städtebaulichen und wirtschaftlichen Standortentwicklung.

Bereits 1992 gewann Gottfried Böhm mit seinem preisgekrönten Entwurf den internationalen Architekturwettbewerb für den Theaterneubau in der Schiffbauergasse. Die Finanzierung stand noch bis 1999 auf der Kippe und konnte durch den Beschluss der Stadtverordneten als „Integrierter Kulturstandort mit Neubau des Hans Otto Theaters an der Schiffbauergasse“ gesichert werden. Damit fiel der Startschuss für den Theaterneubau, zur technischen Erschließung des Areals, für die Gewerbeansiedlung - und die dauerhafte Sicherung der Kulturszene. Weitere Sicherheitsmängel und der runtergekommene Zustand benötigten weitere Sanierungsarbeiten. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg stellte finanzielle Mittel aus dem „Aufbauprogramm Kultur“ der Bundesregierung bereit. Das „Zentrum für Kunst und Soziokultur“ umfasst Probe-, Kurs- und Aufführungsprogramme für Tanz und Bewegungstheater, freies Theater, Ausstellungsflächen und Räume für Events, Lesungen und mediale Inszenierungen. Im Jahr 2001 wurde die gesamte Schiffbauergasse als "Sanierungsgebiet" ausgewiesen, wodurch es auch zur Sanierung und Behebung der verursachten Umweltverschmutzungen von Gewässer, Boden und Grundwasser kam. Der Koksseparator und ein großer Gasbehälter konnten erhalten, umgebaut und umgenutzt werden.

Festlich eröffnete das neue Hans Otto Theater am 22.09.2006 mit der Uraufführung von "Katte" von Thorsten Becker in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg. Das Gelände erhielt durch das neue Theater ebenso mehr Präsenz in Potsdam. Durch das Jahr hinweg bieten viele Veranstaltungen ein interessantes Programm für Jung- und Alt.

Das Theaterschiff Potsdam liegt seit 2014 in der Schiffbauergasse an. Konzerte, Theateraufführungen, Disco und Lesungen bereichern das kulturelle Angebot. Der kulturelle Standort, direkt am Wasser lockt auch Gastronomen Softwareunternehmen und das Volkswagen Design Center an. So vereinen sich auf dem Gelände Stadtgeschichte, zeitgenössische Kultur und Kunst mit Zukunftsideen. Und wer weiß, was in hundert Jahren noch in der Schiffbauergasse passieret?